Von Anne Ulrich (@anneulrichtv)
Wer eine Tagesschau-Sendung im Fernsehen ansieht, ist mittlerweile durchschnittlich 62 Jahre alt. Trotzdem ist die Tagesschau auch bei jüngeren Zielgruppen als seriöse und glaubwürdige Nachrichteninstanz etabliert. Dies mag nicht zuletzt daran liegen, dass die ARD-aktuell-Redaktion schon seit längerem in ihrem sogenannten Innovationslabor – teils durchaus gegen innere Widerstände – eine breite Social-Media-Präsenz aufgebaut hat.
Auf der vom chinesischen Technologiekonzern ByteDance betriebenen Video-Plattform TikTok ist die Tagesschau seit 2019 aktiv, mit respektablem Erfolg. Die kurzen bunten Videoclips werden oft von mehr als 100.000 Nutzer:innen angespielt, manche erreichen ein Millionenpublikum. Die Frage ist nun: Ist das TikTok-Angebot als Äquivalent zum Fernsehangebot der Tagesschau zu sehen? Kann die Tagesschau hier ihre journalistischen Standards (allen voran: Professionalität und Seriosität) aufrechterhalten? Oder geht es vielmehr darum, die eigene Fortschrittlichkeit unter Beweis zu stellen, um von einer jüngeren Zielgruppe überhaupt noch wahrgenommen zu werden? Eine Annäherung in fünf Videos.
Erklären und Duzen
Ein typisches TikTok der Tagesschau wie dieses hier ist zwischen 30 und 60 Sekunden lang, wird von einer um die 30-jährigen Person in Alltagskleidung präsentiert und befasst sich mit einem aktuellen Thema, das für die Zielgruppe der 13- bis 17-Jährigen relevant ist. Es ist mit einer rhythmisierten, aber dezenten Originalmusik unterlegt und arbeitet mit zahlreichen Einblendungen. Zum einen können Untertitel des Gesagten mitgelesen werden, zum anderen strukturieren Schlüsselbegriffe die dargebotene Information, die obendrein von illustrativen oder veranschaulichenden Piktogrammen und Bildern begleitet wird.
Anna Albrecht, die neben Antje Kießler und Felix Edeha zum festen Moderator:innen-Team des Tagesschau-TikTok-Kanals gehört, blickt leicht nach oben in die Kamera und betont das Gesagte mit einem eindringlichen Blick und einer ausgeprägten Gestik und Mimik. Ihr Oberkörper nimmt einen Großteil des Kamerabilds ein, im Hintergrund ist die aus den Fernsehsendungen vertraute, in unterschiedlichen Blautönen gehaltene stilisierte Weltkarte zu sehen, die signalisiert, dass man sich hier seriös und professionell mit dem Weltgeschehen befasst. Das vertraute Design wird jedoch in schnellen Abständen immer wieder von großflächigen Hintersetzern verdeckt, die Nachrichten-, Symbolbilder oder Grafiken enthalten.
Als besonderer Effekt wird in diesem Video das Bild für ein paar Sekunden psychedelisch verfremdet – just in dem Satz, in dem es um den wachsenden Anteil der psychoaktiven Substanz THC in Cannabis geht. Die Nachricht dreht sich um die geplanten Rahmenbedingungen für die Legalisierung von Cannabis und nimmt als Aufhänger die Prüfung einer Höchstgrenze für unter 21-Jährige durch die Bundesregierung. Die Moderatorin leitet mit einer Frage ein, auf die das Video eine Antwort gibt – ganz im Stil eines Erklärvideos. Die Absichten der Bundesregierung werden in verkürzter Form gemeldet, jedoch nur in Bezug auf die konkrete Frage, die für die Zielgruppe als relevant erachtet wird. Dies alles in einer einfachen, teils sogar kolloquialen Sprache. Die Zuschauer:innen, die von „Anna“, „Antje“ und „Felix“ selbstverständlich geduzt werden und in ihren Kommentaren zurückduzen, können am Ende also verstanden haben, warum eine THC-Beschränkung für sie sinnvoll sein könnte.
Auch wenn das bildrhetorische Grundmuster „Sprecher:in vor Tagesschau-Hintergrund“ eingehalten wird, könnte bei diesen nachrichtlich geprägten Videos der Kontrast zur 20-Uhr-Sendung kaum größer sein. Dies betrifft nicht nur die Adressierungsmodalitäten, sondern den gesamten Habitus. Nachrichtensprecher:innen und -moderator:innen werden vollkommen auf Seriosität und Zurückhaltung getrimmt, durften bis 2012 bei der Begrüßung nicht einmal das Personalpronomen „ich“ verwenden und waren bis 2015 nur von der Hüfte aufwärts zu sehen. Dass jüngst Sprecher André Schünke in einer Nachtausgabe der Tagesschau mit Erlaubnis der Hierarchen ohne Krawatte den heiligen Nachrichtendienst verrichtete, erhitzte die Gemüter – für Gerhard Matzig von der Süddeutschen öffnete die ARD damit gar „das Tor zur Hölle“. Die in Deutschland breit wahrgenommenen und diskutierten Lockerungen dieser Kommunikationsrolle darauf hin, dass die klassische ‚Formel‘ (Horton und Wohl), nach der die Tagesschau im Fernsehen ihre Kommunikatorrollen entwirft, einem allmählichen Wandel unterliegt, der sich nicht zuletzt auf veränderte Adressierungs- und Auftrittsmodalitäten in den sozialen Medien zurückführen lässt.
Zwischenfazit: Beim Habitus ist eine Übersetzungsleistung zu beobachten: Die klassischen Werte der Tagesschau (Seriosität, Professionalität, Verlässlichkeit) werden TikTok-spezifisch aktualisiert: Jüngere Vertrauenspersonen wählen eine für TikTok-Verhältnisse vergleichsweise ernsthafte Ansprache und engagierte Sachorientierung. Beim Journalismus jedoch ist eine starke Reduktion zu beobachten: Den Nutzer:innen wird nur alle paar Tage ein für sie relevanter, spezifischer Aspekt des Weltgeschehens erklärt – keineswegs sind sie, selbst wenn sie alle Videos gesehen haben – umfassend über das aktuelle Nachrichtengeschehen informiert. Ein Funktionsäquivalent kann (und will) das Angebot also gar nicht darstellen. Was ist es dann?
This or that?
Zur Social-media-Logik gehört insbesondere bei TikTok die Ungewissheit, wer die eigenen Beiträge überhaupt im Feed angezeigt bekommen wird. Nutzer:innen können der Tagesschau dort zwar folgen, das muss jedoch nicht heißen, dass die Tagesschau-Clips auch verlässlich im Feed vorkommen. Ein Teil der Anstrengungen des Teams muss sich daher darauf richten, Aufmerksamkeit zu erregen und vom Algorithmus als relevant erkannt zu werden. Das wirkt sich auf die audiovisuelle Ästhetik der Videos aus und führt zu einer Ausweitung der Zielsetzung. So werden in informationsbasierte Beiträge spielerische Elemente integriert – und viele Beiträge ausschließlich zu Unterhaltungszwecken angefertigt. Humor ist neben Musik und Tanzspaß eine wichtige Währung auf der Plattform. Wer im Feed der Nutzer:innen landen möchte, darf sich nicht zu schade sein, sich gewitzt an aktuelle Trends anzuschließen – hier etwa dem „This or that“-Genre, in dem in der Regel mehrere Menschen tanzend eine Reihe von Entscheidungsfragen beantworten, indem sie rechts oder links aus dem Bild verschwinden. Die Fragen sind weder persönlich noch tiefgreifend, werden von den Moderator:innen jedoch genutzt, ihre TikTok-Fertigkeiten und ihre Zeitgemäßheit unter Beweis zu stellen und die Nutzer:innen zum Abonnieren des Kanals aufzufordern.
Interne Berührungsängste
Sich mit Humor und Tanzvideos potenziell lächerlich zu machen, ist selbstverständlich eine Gratwanderung für eine seriöse Nachrichtenmarke. Das dritte Video, ein selbstironischer Clip, reflektiert diese Gratwanderung in der Tik-Tok-spezifischen ‚Sprache‘ des Lip-Synch-Videos. Es wird durchaus thematisiert, was für eine Zumutung die Plattform für Sprecherinnen und Moderator:innen wie Judith Rakers, Ingo Zamperoni und Aline Abboud bedeutet, und gleichzeitig nehmen diese die Herausforderung an, indem sie sich in ihren Büroräumen, teils sogar ungeschminkt und im T-Shirt zeigen.
In anderen Videos machen Sprecher:innen wie Judith Rakers und Thorsten Schröder TikTok-Interview-Trends wie die sogenannte „Finger-Runter-Challenge“ mit oder geben Auskunft darüber, ob sie ihre Kleidung selbst aussuchen dürfen. Zudem können die Nutzer:innen ausprobieren, ob sie genauso gut vom Teleprompter ablesen können wie die Profis (womit auch zum Remixen von Videos eingeladen wird). Auf diese Weise wird die Zielgruppe an die Protagonist:innen und das Format der klassischen Sendung herangeführt. So lernen die Nutzer:innen Fernsehformate wie Tagesschau und Tagesthemen überhaupt erst kennen oder entwickeln sogar eine Bindung an diese Formate, und gleichzeitig zeigen die ansonsten vergleichsweise steifen Protagonist:innen, dass sie einem jüngeren Publikum durchaus entgegenkommen können.
Inszenierungen der Hinterbühne
Wer der Tagesschau auf TikTok folgt, erhält zudem Einblicke in den Nachrichtenbetrieb in Hamburg-Lokstedt. Präsentiert werden diese jedoch nicht von den Moderator:innen des Kanals, sondern von gestandenen Nachrichtensprechern wie Jan Hofer oder Jens Riewa. Mit diesem Video von 2020 reagiert Jan Hofer auf die Nutzer:innen-Frage „Was sieht der Tagesschau-Sprecher?“ Zunächst ist Jan Hofer im Selfiemodus im Studio zu sehen. Der Sprecher trägt Anzug und Krawatte, entspricht im Habitus also den klassischen Anforderungen, duzt das TikTok-Publikum allerdings und wird von diesem offensichtlich auch geduzt. Im Anschluss werden die Kameras, Monitore und Scheinwerfer ins Bild gerückt, also ein Teil jenes Dispositivs, das das Fernsehen normalerweise zu verbergen sucht. Die Nutzer:innen erfahren, dass die Kameras im Studio ferngesteuert werden und dass Jan Hofer durch eine Glasscheibe zur Regie hinüberschauen kann.
In anderen Videos erklärt Hofer, wie ein Teleprompter funktioniert, was im Tagesschau-Tisch an Technik verborgen ist und wie sein Weg ins Studio aussieht. Jens Riewa, der nach Hofers Weggang von der ARD zu RTL dessen Rolle übernommen hat, macht sich für die Nutzer:innen auf den Weg ins Archiv, klärt diese darüber auf, warum die Tagesschau um 20 Uhr gesendet wird und was man braucht, um Sprecher zu werden. Riewa fungiert somit als Markenbotschafter für die Tagesschau in einer Umgebung, in der die Bekanntheit und Glaubwürdigkeit der Nachrichtensendung nicht mehr als gegeben vorausgesetzt werden kann. Die Videos enthalten das Authentizitätsversprechen, das bei Einblicken in die Hinterbühne (Goffman) stets mitschwingt, aber auch die Bereitschaft, sich mit den Fragen und Anliegen der Nutzer:innen ernsthaft auseinanderzusetzen, möglichst ohne überheblich oder anbiedernd zu wirken.
Kritik an der Plattform selbst
Eine besondere Art und Weise, die eigene Seriosität und Unabhängigkeit zu konturieren, tritt in Videos zutage, die sich mit der Plattform selbst auseinandersetzen. Felix Edeha stellt in diesem knapp 60-sekündigen Video vom Oktober 2022 eine Recherche von ARD und NDR vor, nach der TikTok Kommentare nicht veröffentlicht, in denen bestimmte Wörter wie ‚Nazi‘, ‚Sklave‘, ‚schwul‘ oder ‚Pornographie‘ enthalten sind. Bereits im März dieses Jahres war nicht zuletzt auf dem TikTok-Kanal der Tagesschau über diese ‚Wortfilter‘ berichtet worden – nun zeigt Edeha, dass sie an diesem Thema dranbleiben und sich kontinuierlich und kritisch mit der Plattform auseinandersetzen. Das stärkt die Medienkompetenz der Nutzer:innen und unterstreicht die Unabhängigkeit der Tagesschau, die hiermit auch ganz konkret ihrer Aufgabe der Kritik und Kontrolle nachkommt.
Den Eigendynamiken und medialen Logiken von TikTok bleiben die Macher:innen des Tagesschau-Kanals natürlich dennoch unterworfen. Welche Inhalte „der Algorithmus“ begünstigt, kann auch von erfahrenen Redakteur:innen nicht vorhergesagt werden. Selbst wenn die Tagesschau nun ihren Ton, ihre Ästhetik und die für die Zielgruppe relevanten Themen gefunden hat – ständig müssen diese Parameter geprüft und gegebenenfalls neu erarbeitet werden. In anderen Worten: Der Sendeplatz muss immer wieder neu erobert werden. Das bindet Ressourcen – für den gesamten Social-Media-Auftritt der Tagesschau (der nicht nur TikTok, sondern auch Instagram, YouTube, Facebook, Twitter und Messenger von Facebook und Telegram umfasst) werden täglich 20 Schichtdienste besetzt. Aber es führt möglicherweise auch dazu, dass die Tagesschau auch von künftigen Generationen weiter wahrgenommen werden wird.
Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern
Ein journalistisches Äquivalent für die Fernsehsendungen ist der TikTok-Kanal der Tagesschau sicherlich nicht, obwohl der Feed voller aktueller Themen und genau recherchierter Informationen steckt – die freilich nach den Bedürfnissen und Aufmerksamkeitszyklen von hauptsächlich 13- bis 17-Jährigen ausgesucht werden. Wohl aber gelingt es dem Team aus dem Innovationslabor, das Interesse an der Tagesschau zu wecken, die Fernsehsendung als professionelle und seriöse Benachrichtigungs-Instanz zu etablieren und gleichzeitig – mit einer Prise Humor, Selbstironie und Nonchalance – unter Beweis zu stellen, dass auch ein Traditionsformat wie dieses gleichzeitig mit der Zeit zu gehen und sich treu zu bleiben vermag.
Adligen Sprösslingen wurde in der Frühen Neuzeit empfohlen, sich möglichst lässig zu geben, so, als meistere man alle Aufgaben bei Hofe mit müheloser Leichtigkeit. Dass Fechten, Tanzen oder etwa Deklamieren gar nicht so mühelos zu erlernen waren, versteht sich von selbst. Die Anstrengung hatte man jedoch zu verbergen, wollte man in die Gunst des Fürsten gelangen. In mancherlei Hinsicht ähnelt dies der Herausforderung, die klassische Medienhäuser auf jeder Plattform, in jedem Netzwerk immer wieder neu zu meistern haben: So zu tun, als habe man nie etwas anderes gemacht, als, sagen wir, Jugendsprache memeable zu machen oder die eigene Frustration zu tanzen – um in die Gunst des Algorithmus und mit ihm einer neuen, jüngeren Zielgruppe zu gelangen. Daher darf es durchaus spielerisch zugehen, aber niemals unprofessionell, was das Nachrichtengeschäft betrifft.
Zum Weiterlesen:
Baldessare Castiglione: Das Buch vom Hofmann. Übersetzt und erläutert von Fritz Baumgart. Bremen 1960.
Erving Goffman: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag [1959]. Aus dem Amerikanischen von Peter WEber-Schäfer. München, Zürich 2003.
Donald Horton und R. Richard Wohl: Massenkommunikation und parasoziale Interaktion. Beobachtungen zur Intimität über Distanz [1956]. In: Ralf Adelmann u.a. (Hrsg.): Grundlagentexte zur Fernsehwissenschaft. Theorie – Geschichte – Analyse. Konstanz 2001, 74–104.
Anne Ulrich: Umkämpfte Glaubwürdigkeit. Visuelle Strategien des Fernsehjournalismus im Irakkrieg 2003. Berlin 2012. (Weil es darin u.a. um die journalistische Haltung der ARD ging, kurz vor dem Aufstieg der sozialen Medien.)


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