Da ist es ja wieder – das Fernsehen! (Rück)kehr zum Fernsehen.

Von Christine Piepiorka (@christinepiepiorka)

Nachdem wir hier gefragt „Was bleibt vom Fernsehen übrig?“, sage ich nun „Da ist es ja wieder – das Fernsehen“.

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Denn schauen wir uns in den letzten Jahren in dem Spektrum des Bewegtbildes um, fällt auf, dass Delinearität einen eigenen Wert und Dominanz für Streaminganbieter wie Netflix und Co erhielt. Kein Warten auf die nächste Folge in der nächsten Woche und das Bingewatching einer Serie an einem Wochenende ist zur Nutzungspraktik der Zuschauer*innen geworden. Dies beschreibt Monika Weiß (@drweissmo) u.a. in hiesigem Artikel und fragt am Ende ihres Beitrags, ob sich Zuschauer nicht doch einer Linearität trotz des bedeutsamen delinearen Angebots verschreiben. Hieran soll nun mit einer Betrachtung dieser Strukturen und der Videoplattformen und Streamindienste angeknüpft werden. Hier werden spezifisch Youtube und Netflix in den Blick genommen.

Sind Gewohnheiten wichtiger als gedacht?  

(vgl. Piepiorka 2019)

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Immer wieder und immer wieder jeden Tag – aufstehen, Radio andrehen, Bad, Frühstück, Arbeit, nach Hause, Fernseher an. Gewohnheit und damit Wiederholung liegen dem menschlichen Handeln grundsätzlich zugrunde. Solche Gewohnheiten geben dem Menschen Einheitlichkeit; vielmehr noch entwickelt der Mensch im Laufe seines Lebens ein System von Gewohnheiten (vgl. Pfander 1904, S.418). Gewohnheit und damit Wiederholung liegen dem menschlichen Handeln grundsätzlich zugrunde. Insbesondere haben es uns daher Serien angetan. In Bezug auf die Serialität im Fernsehen lässt sich festhalten: Dem Fernsehprogramm ist das Prinzip der frequenziellen Wiederholung und Regelmäßigkeit immanent. Es ist somit ein Ort, der bestimmt ist durch Serien (vgl. Piepiorka 2011, S.35): „Das Strukturprinzip des Programms wird zum Strukturprinzip der Produkte.“ „Die Serialität des Programms ist also eine dem Fernsehen inhärente Struktur“ (Hickethier 1991, S.11).  Zusammenfassend ist die Serie also eine durch Serialität geprägte Struktur, die unserem Bedürfnis nach Gewohnheit exakt nachkommt.

YouTube – wieder YouTube 

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Youtube kann alles. Youtube ist nicht gebunden an Linearität, Wiederholung, Serialität oder Gewohnheit. Doch, irgendwie dann doch!

Die Merkmale von Gewohnheiten lassen sich ebenso für diverse Medienplattformen und -kanäle denken: So ist auch YouTube (nicht mehr nur) eine Plattform für user-generierte Inhalte im Sinne einzelner Videos, sondern auch für solche, die teilweise mehrteilig sind und serielle Merkmale aufweisen. Die 2005 als Start-up gegründete Videoplattform, die nutzer-generierte audiovisuelle Inhalte ermöglichen wollte, entwickelte sich zu „the world’s leading video community on the Internet“ (Snickars & Vonderau 2009, S.10) und erweiterte ihr Einsatzgebiet zunehmend: Sie ist nicht mehr nur eine Inhalte-Plattform, sondern eine Community (vgl. ebd.), die Videos zu unterschiedlichsten Themen mit themengebundenen Communities bedient. Youtube bietet sowohl non-fiktionale als auch fiktionale Formate an. So finden sie seriellen Tests von Videospielen (wie von PewDiePie) oder auch Influencer als Meinungsmacher und Teil des viralen Marketings, das Vermarktungsstrategien auf sozialen Netzwerkern nutzt, um Produkte oder Unternehmen bekannt zu machen (vgl. detaillierter Nirschl, Steinberg 2018) wie z.B. YouTuberin Dounia Slimani. Neben Unternehmen aus allen Branchen nutzen auch Fernsehsender YouTube als Marketingkanal und Plattform inhaltlicher Angebote. Hierbei erhalten auch die Sendungen selbst einen eigenen YouTube-Kanal. Ein Beispiel hierfür sei der US-amerikanische Fernsehsender HBO und seine Fernsehserie Game of Thrones

Neben diesen non-fiktionalen oder fiktiven, aber nur zu Marketingzwecken angebotenen Inhalten existieren eigens für das Internet hergestellte fiktive Angebote, sogenannte Webserien. Die Webserie ist eine audiovisuelle Form im Internet, die sich durch Serialität, Fiktionalität und Narrativität auszeichnet. Die professionell produzierte Webserie beschreibt damit fiktionalen Inhalt, der auf Mehrteiligkeit ausgelegt ist, hierbei kommt das Konzept der Kanäle auf YouTube zum Tragen, da eine Webserie auf dem immergleichen Kanal veröffentlicht wird. 

So offeriert YouTube ein weites Spektrum von Serialität. Jedes der genannten Beispiele nutzt die Serie als Ordnungsprinzip seiner eigenen Inhalte. So wird die Serialität das Ordnungsprinzip der Internetplattform und nutzt damit die Gewohnheiten von linearen TV-Zuschauern. 

(Non-)lineares Netflix?

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Stellen wir fest, dass Youtube sowohl lineare als auch non-lineare Züge aufweist, liegen die Züge bei Streaminganbietern wie Netflix doch auf der Hand oder? Ich kann jederzeit beliebig Serien „bingewatchen“, muss nicht warten auf die nächste Folge wie im Fernsehen, man kann nur das sehen, was man will. Unendliche Möglichkeiten. 

„Auf einer Konferenz in Berlin im Jahr 2015 verglich der Mitbegründer und CEO von Netflix, Reed Hastings, das traditionelle „lineare“ Fernsehprogramm mit der Nutzung von Pferden als Transportmittel. In seiner Analogie war Netflix natürlich das glänzende Auto, das den Markt revolutionierte“ (Benett 2020).

Doch zu beobachten ist nun tatsächlich eine „Rückkehr“ zu den Strukturen des Fernsehens, auch bei Netflix.  Während es zu Beginn der Plattform 2013 eine Sensation war, alle Folgen von „House of Cards“ gleichzeitig zur Verfügung zu haben, entwickelte sich Netflix nach knapp zehn Jahren in eine andere Richtung, weg vom „gewohnten“ Bingewatching und damit hin zum Veröffentlichungsprinzip der wöchentlichen Folgen, wie im Fernsehen. Warum lassen, was erfolgreich war? Der Konkurrenzdruck der anderen Streamingplattformen ist maßgeblich. Disney + streckte sein anfangs überschaubares Programm durch die wöchentliche Veröffentlichung seiner Serien. Das war erfolgreicher als gedacht: Abonnenten bleiben (länger als einen Probemonat für den Zugang zu einer bestimmten Serie) und Gespräche über den Fortgang der Serie in der Fancommunity werden gefördert, einst das Prinzip großer Serien im Fernsehen. Netflix probiert sich hiermit auch aus.

Und es geht noch linearer: In 2020 hat Netflix einen linearen Fernsehsender namens Netflix Direct gestartet, der genau das Gegenteil zur Ursprungsidee von Netflix verfolgt. Der Kanal sendet Filme und Serien aus dem Netflix-Katalog nach einem festen Zeitplan, 24 Stunden am Tag (vgl. Bennett 2020). Das kommt linearem Fernsehen gleich.

Und wenn wir schon dabei sind, könnte man nicht noch ein Strukturprinzip aus dem Fernsehen (und auch von Youtube) übernehmen?  „Bei der jüngsten Bekanntgabe der Quartalszahlen wird eine Wende angekündigt: „Wir sind sehr offen dafür, noch niedrigere Preise mit Werbung als Wahlmöglichkeit für die Verbraucher anzubieten“, sagte Hastings. Wer bei Netflix ohne Werbung schaut, wird einen teureren Tarif zahlen, so die Pläne. Allerdings waren es gerade Anbieter wie Netflix, Amazon und Disney, die ihre Zuschauer von der Werbung entwöhnt haben. Nun hoffen ausgerechnet sie auf eine Kehrtwende“ (Heuzeroth 2022). Aber auch Werbung waren die meisten von uns ja mal gewohnt.

Scheint unsere Gewohnheit doch das Maß aller Dinge und strukturbestimmend zu sein? Wo geht die Reise hin? Was ist die Zukunft eines Mediums, das bekannt war als Fernsehen (Uricchio 2009, S.24ff)?  Das werden wir sehen – immer wieder!

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Literatur

Eine Antwort zu „Da ist es ja wieder – das Fernsehen! (Rück)kehr zum Fernsehen.“

  1. […] der letzten Episode von „To be Continued“ stellte @christinepiepiorka fest: „Da ist es ja wieder das Fernsehen„. Ganz in diesem Sinne geht es @anneganzert dieses Mal um „Insiders“ und die […]

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