Intervision Song Contest 2025. Ein Revival, das keines war

von Dr. Yulia Yurtaeva-Martens

Was hört sich ähnlich an wie der Eurovision Song Contest, sieht teilweise aus wie der Eurovision Song Contest, verspricht ein ebenso glitzerndes Fernsehspektakel – und ist es trotzdem nicht? Richtig: der Intervision Song Contest.

Im Herbst 2025 hat Russland versucht, ein Format wiederzubeleben, das lange nur noch als Fußnote in der Fernsehgeschichte galt: den Intervision Song Contest – ein Relikt der sozialistischen Musikkultur, das nun wieder auf der großen Bühne erscheinen sollte.

(Intervision 2025 – Official contest website)

Wie viele internationale Medien, darunter der Guardian anmerkten, geschah dieses Revival nicht im luftleeren Raum: Russland „dusts off the Intervision brand“ als Reaktion auf seine anhaltende Ausgrenzung vom Eurovision Song Contest seit dem Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 (The Guardian, 2025). Der Versuch des Wiederauflebens des Formats ist also mehr eine kulturpolitische Antwort – ein mediales Gegennarrativ im Kleid der Popkultur – und weniger ein Tribut musikalischer Nostalgie.

Gerade diese Spannweite – zwischen (pseudo-)nostalgischem Revival und politischer Inszenierung – machte den Intervision Song Contest 2025 zu einem der besonderen Fernsehmomente des vergangenen Jahres. Hier wurde versucht, nicht einfach eine Show wiederzubeleben, sondern ein Erinnerungsangebot zu schaffen, das darauf zielte, ein bestimmtes Bild der Vergangenheit in der Gegenwart wirksam werden zu lassen. In Anlehnung an Erll lässt sich sagen: Der ISC 2025 sollte die Erinnerung nicht abbilden, sondern sie  performativ hervorbringen (vgl. Erll 2017, S. 160).  So lässt sich der Intervision Song Contest 2025 als mediales Erinnerungsakt (vgl. Erll 2017, S. 100f) verstehen – ein Format, in dem populärkulturelle Nostalgie und politische Geschichtsnarrative ineinandergreifen konnten, im Versuch, eine staatlich kuratierte kulturelle Identität symbolisch zu stabilisieren. Und im Anschluss an die Gedächtniskonzepte von Assmann/Assmann zeigt sich, wie selektive historische Verweise dazu dienen sollten, kulturelle Kontinuität zu suggerieren (Assmann/Assmann 1994, S. 115–117, 124).

Es waren einmal… zwei Intervision Song Contests

Doch woran genau knüpfte Russland an? Hier lohnt sich ein Blick auf die Geschichte des Intervision Song Contest – und auf die Intervision selbst, jenem 1960 gegründeten Zusammenschluss sozialistischer Rundfunkanstalten, der primär zur Koordination des internationalen und aus heutiger Perspektive transnationalen Fernsehprogrammaustausches in Osteuropa diente (Yurtaeva-Martens 2025).

In den 1960 und 1970er Jahren entstand in damals Osteuropa zuzurechnenden Ländern eine ganze Reihe sowohl nationaler als auch internationaler Musikfestivals bzw. Liederwettbewerbe. Einerseits boten all diese Wettbewerbe ein Forum sowie ein Schaufenster vor allem der sozialistischen Schlagerlandschaft an – denn dieses Genre war der gemeinsame Nenner der Mehrheit der musikalischen Darbietungen dieser Festivals, andererseits setzten einige davon stark auf Teilnehmende aus dem Westen sowie auf die Kontakte zur westlichen Musikindustrie (Vuletic 2019).

Außerhalb des Ostblocks, in Westeuropa, wurden diese Veranstaltungen als Intervision Song Contests bekannt – da sie in den Ländern stattfanden, deren Rundfunkanstalten Mitglieder der Intervision waren – und stets dem Vergleich mit dem 1956 gegründeten westeuropäischen Eurovision Song Contest (ESC) ausgesetzt wurden. Zu den bekanntesten Wettbewerben zählten der Internationale Liederwettbewerb in Sopot (1961, Polen), der Goldene Schlüssel und Lyra von Bratislava (1965 und 1966, Tschechoslowakei) oder der Goldene Orpheus (1965, Bulgarien).

Es gab in der Geschichte des Intervision Song Contest – wenn man die Wettbewerbe nimmt, die exakt unter diesem Namen firmierten – zwei Ausgaben. Die Geschichte des ersten Intervision Song Contests nahm ihren Lauf 1965 in der Tschechoslowakei, als die Intervision den Goldenen SchlüsselChanson- und Songwettbewerb der Intervision in Prag ins Leben rief. Der Wettbewerb fand zum ersten Mal am 12. Juni 1965 in Prag statt und wurde sowohl innerhalb der Intervision übertragen, als auch von der Eurovision ausgestrahlt.

In den nächsten zwei Jahren, 1966 und 1967, wurde der ISC in eine andere, neue internationale Musikveranstaltung eingebunden, und zwar in die ersten beiden Ausgaben der Lyra von Bratislava. Im Zuge der Liberalisierung in der Tschechoslowakei öffnete sich der Wettbewerb 1968 auch Teilnehmenden aus den Eurovisionsländern: Österreich, Belgien, Spanien, die Schweiz, die BRD, Jugoslawien und Finnland waren nun im Programm vertreten. Doch die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings durch sowjetische Truppen im selben Jahr durchkreuzte weitere Pläne der Intervision, diesen ersten ISC weiter auszubauen.

Neun Jahre später entstand aus dem Internationale Liederwettbewerb in Sopot (Polen) die zweite Auflage des ISC. Die Sopoter Veranstaltung wurde nun offiziell zum Intervision Song Contest aufgewertet, unter diesem Namen zwischen 1977 und 1980 in Polen ausgerichtet und erlangte dadurch europaweite Bekanntheit.

Der ISC in dieser zweiten Auflage präsentierte sich als mehrtägiges Festival, das an vier Tagen im September stattfand. Die Struktur war deutlich komplexer als beim Eurovision Song Contest: unterschiedliche Wettbewerbskategorien – etwa der eigentliche Wettbewerb der Intervision, ein Plattenfirmenwettbewerb sowie Gastauftritte außerhalb des Wettbewerbs – bildeten ein Programm, das stärker an die Logik internationaler Musikfestivals als an eine einzelne TV-Show erinnerte. Der Ausruf des Kriegsrechts 1981 in Polen beendete auch die zweite Auflage des ISC. Das Sopoter Festival fand zwar ab 1984 weiter statt, aber nicht mehr unter dem Namen ISC (Yurtaeva-Martens 2025, S. 395 – 407)

So zeigt uns ein Blick in die Geschichte, dass Russland 2025 an ein Format anknüpfte, dessen Ende eng mit politischen Umbrüchen verbunden war, die die damalige Sowjetunion selbst geprägt hatte. Gerade deshalb wirkt das Revival von 2025 wie ein ironischer Versuch, ein vermeintliches Erbe wiederzubeleben, dessen Abbruch die sowjetische Vergangenheit mitverursacht hatte: eine Traditionsveranstaltung, die jedoch nicht einmal von der damaligen Sowjetunion ausgetragen worden war.

Zurück in die Zukunft

Am 20. September traten insgesamt 22 Teilnehmer*innen aus verschiedenen Ländern der Welt – darunter aus Brasilien, Indien, Kolumbien, Saudi-Arabien, Vietnam und China – in Moskau an, um um ein Preisgeld von 30 Millionen Rubel (rund 360.000 US-Dollar) zu konkurrieren. Am Ende setze sich die Performance des vietnamesischen Künstlers Đức Phúc durch.

(Intervision 2025 – Official contest website)

Doch entfaltete Russlands Versuch, den neu aufgelegten ISC unter das Zeichen historischer und kultureller Kontinuität zu stellen, auch Anklang in der öffentlichen Rezeption? In nicht staatlich kuratierten Online-Äußerungen zeigte sich davon wenig. Das Publikum knüpfte in den Kommentaren kaum an die Traditionen von Sopot oder anderen Intervision-Festivals an; vielmehr bewegte sich der Diskurs zwischen den Fragen der Finanzierung des Ganzen, des Vergleiches mit dem Eurovision Song Contest sowie einer starken Kritik des „Fests während der Pest“ – ein kulturell tief verankertes Motiv, das im Russischen für Feiern steht, die im Schatten einer Krise stattfinden. In diesem Fall bezog sich der Vergleich unmittelbar auf den anhaltenden Krieg gegen die Ukraine.

Die internationalen Medien sahen den Intervision Song Contest 2025 sowohl im Vorfeld als auch im Nachhinein eindeutig als geopolitisch aufgeladenes Ereignis: als Reaktion auf Russlands Ausschluss vom Eurovision Song Contest, als Versuch, eine eigene kulturelle Sphäre jenseits des europäischen Rahmens zu markieren, sowie als Mittel, gegen „den Mythos der Isolation Russlands“ vorzugehen (Bayer 2025; Biegalke 2025; Jones 2025)

Dass die künstlerische Vielfalt und Qualität der Beiträge über die rein politische Agenda des Organisators Russland hinausgingen, wurde nur stellenweise hervorgehoben. Dabei liegt im Grundgedanken des Formats durchaus Potenzial: so viele Kulturen, musikalische Traditionen und ästhetische Ausdrucksformen über Europa hinaus in einem großen Event zusammenzuführen, hätte an einem anderen Ort und vielleicht zu einer anderen Zeit ein beeindruckendes, multikulturelles Fernsehereignis ergeben können.

Im kommenden Jahr soll der Intervision Song Contest in Saudi-Arabien ausgetragen werden – im Gegensatz zum ESC ist der Austragungsort nicht an das Sieger-Land gebunden. Die politische Brisanz des Wettbewerbs des vergangenen Jahres – die 2025 aus der Konstellation vom Austragungsort Russland, Ausschluss vom Eurovision Song Contest und internationaler Berichtserstattung entstand, lässt sich in dieser Form kaum erwarten. Ob der Wettbewerb 2026 eine breite Resonanz hervorruft, steht damit auf einem anderen Blatt. Denkbar ist, dass der ISC – fernab des europäischen Medienökosystems und ohne den großen politischen Resonanzraum – eher als regionales Großevent, denn als internationales Fernsehereignis wahrgenommen wird.

Literatur

Assmann, A., Assmann, J. (1994). Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis. In: Merten, K., Schmidt, S.J., Weischenberg, S. (Hg.). Die Wirklichkeit der Medien. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-663-09784-6_7

Bayer, F. (19. September 2025). Putins Potemkin’scher Song Contest. Der Spiegel. https://www.spiegel.de/kultur/musik/intervision-so-wird-russlands-gegen-esc-in-moskau-a-88d34a58-7ba0-4c11-a658-3db51acf469f (Zugriff 29.12.2025)

Bigalke, S. (19. September 2025). Ein Lied für Putin. Die Süddeutsche Zeitung. https://www.sueddeutsche.de/politik/moskau-intervision-musikwettbewerb-shaman-li.3314503?reduced=true (Zugriff 30.12.2025).

Bigalke, S. (19. September 2025). Ein Lied für Putin. Die Süddeutsche Zeitung. https://www.sueddeutsche.de/politik/moskau-intervision-musikwettbewerb-shaman-li.3314503?reduced=true (Zugriff 30.12.2025).

Erll, A. (2017). Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen: Eine Einführung (3., aktualisierte und erweiterte Auflage). Stuttgart: J.B. Metzler. https://doi.org/10.1007/978-3-476-05495-1

Jones, A. (20. September 2025). Barred from Eurovision, Russia revives Soviet-era version of beloved song contest. NBC News; https://www.nbcnews.com/world/russia/russia-intervision-song-contest-eurovision-putin-lavrov-vassy-shaman-rcna232173 (Zugriff 30.12.2025)

Morton, E. (5. September 2025). Intervision Song Contest: why Russia is reviving its ‘cultural counterweight’ to Eurovision. The Guardian.

https://www.theguardian.com/music/2025/sep/05/intervision-song-contest-why-russia-is-reviving-its-cultural-counterweight-to-eurovision (Zugriff 29.12.2025)

Vuletic, D. (2019). The Intervision Song Contest: A Commercial and Pan-European Alternative to the Eurovision Song Contest. In: Mazierska, E./Gy˝ori, Z. Eastern European Popular Music in a Transnational Context. Beyond the Borders. Cham. S. 173–190.

Yurtaeva-Martens, Y. (2025). Geschichte der Intervision: Der transnationale Fernsehprogrammaustausch in Osteuropa 1960–1993. Springer VS Wiesbaden; https://doi.org/10.1007/978-3-658-47279-5 (Zugriff 30.12.2025).

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