von Christine Piepiorka (@christinepiepiorka)
War es „Oberst von Gatow“ oder „Fräulein Gloria“ mit dem Messer oder dem Kerzenständer? Löse den Mordfall! Ziehe durch die Räume der Villa und spreche jeweils einen Verdacht aus, wer den Mord mit welcher Waffe in welchem Raum begangen haben könnte. Genauso könnte die Rezeptionsanweisung für die Serie The Residence lauten, die eigentlich der Spielanleitung des Brettspiels Cluedo entstammt (erstmals erschienen im Verlag Waddingtons (1948/49) . Was genau bietet die Serie zur Rezeption an und wieviel „Spiel“ ist The Residence?
Jede Folge die Frage: was passiert da grade?
Die im Jahr 2025 auf Netflix veröffentlichte Miniserie The Residence, produziert von Shondaland unter der kreativen Leitung von Paul William Davies, stellt ein hybrides Format im Spannungsfeld zwischen klassischem Whodunit, politischer Dramaserie und komödiantischer Erzählweise dar. Das Format folgt in acht Folgen einer horizontal erzählten Kriminalhandlung im Setting des Weißen Hauses, wobei narrative und visuelle Strategien zur Anwendung kommen, die sich dezidiert im Feld des sogenannten „Quality TV“ oder „Prestige Television“ verorten lassen. Wie Amanda D. Lotz betont, zeichnen sich solche Formate durch „narrative complexity, moral ambiguity, and a blurring of genre conventions“ aus (Lotz 2007, S. 35) – Merkmale, die The Residence exemplarisch aufgreift und weiterentwickelt.
Die Fernsehserie zentriert sich auf die Figur der Privatdetektivin Cordelia Cupp, dargestellt von Uzo Aduba. Cupps exzentrisches Verhalten, methodologische Besonderheiten und ihre konstruierte Außenseiterposition weisen deutliche Parallelen zu archetypischen Detektivfiguren wie Columbo sowie zu neueren Serientypologien wie Monk oder Sherlock auf. Die Charakterisierung von Cupp referenziert mediale Vorerzählungen populärer Detektivfiguren und generiert dadurch, analog zu Jason Mittells Konzept der „narrative special effects“ (Mittell 2015, S. 31), eine zusätzliche Rezeptionsdimension durch die Anspielung auf bekannte Fernsehtropen. Sie wird von einem skeptischen FBI-Agenten (verkörpert von Randall Park) assistiert, wodurch die Serie ein binäres Ermittlungsduo etabliert, das klassische Fernsehkonventionen der „Odd Couple“-Dramaturgie aufgreift. Die serielle Krimistruktur der Erzählung entspricht dem Modell der „procedural mystery“, in der episodisch Verdachtsmomente, Alibis und Motive rekonstruiert und verifiziert werden.
Alte Erzählmuster werden neu
In ihrer ästhetischen Konzeption und dramaturgischen Struktur bedient sich die Serie einer Vielzahl postklassischer Erzählstrategien. Dazu gehören komplexe Rückblendenstrukturen, multiple Perspektivwechsel, die Implementierung dialogischer Ironie sowie intertextuelle Bezüge zu etablierten Filmklassikern wie Clue und Knives Out. Die Serie dekonstruiert das genretypische Rätselmoment mittels des bewussten Einsatzes stilisierter Rückblenden, intertextueller Referenzen und situativen Humors, wodurch eine postmoderne Ironisierung erzielt wird. Dies ermöglicht eine Doppelfunktion: Die Serie bedient konventionelle genretypische Erzählmuster und kommentiert sowie aktualisiert diese zugleich medienreflexiv. Die narrative Prämisse basiert auf einem ritualisierten Krimimotiv: dem Mord an A.B. Wynter, dem Chef-Usher der Präsidentenresidenz. Dieses Ereignis entwickelt sich zum Kristallisationspunkt einer multiperspektivisch angelegten Untersuchung, die Potenzial für die Entfaltung politischer Allegorien, die Darstellung sozialer Dynamiken und die Aufdeckung institutioneller Interna birgt. Diese erzählerische Selbstreferenzialität ist laut Mittell ein zentrales Merkmal des „narratively complex television“ – einer Erzählform, die sich an ein medienkundiges, aktives Publikum richtet, das in der Lage ist, „to engage with storytelling as a puzzle to be solved, rather than a story to be passively consumed“ (Mittell 2015, S. 22).
Aus medienhistorischer Perspektive vollzieht die Serie eine Reflexion des Formwandels vom traditionellen „case of the week“-Format zum seriellen Erzählmodell der Miniserie, welches eine dicht komprimierte, abgeschlossene Narrativität kennzeichnet. Die Konstitution des Weißen Hauses als primärer Schauplatz entfaltet sich nicht lediglich als Setting, sondern als semantisch potentierte Struktur, welche die mediale Aushandlung politischer Repräsentationslogiken, relationaler Machtkonstellationen und institutioneller Performanz ermöglicht. Die konsequente Entkopplung von eindeutigen moralischen Taxonomien und die dezidiert stilisierte Figurenkonzeption signalisieren eine programmatische Hinwendung zu Ambiguität und narrativer Multivokalität. Dieses narrativ-ästhetische Prinzip lässt sich im Sinne Mittells als „operational aesthetic“ (Mittell 2015, S. 52) analysieren.
Der Raum als Brett
Des Weiteren operiert das Weiße Haus als ein semantischer Resonanzraum: Seine Inszenierung transzendiert die bloße Funktion eines symbolischen Machtzentrums, indem es als ein medial potentierter Schauplatz konstituiert wird, auf dem sich private, politische und narrative Ordnungen überlagern. Diese Funktion korrespondiert mit Brett Martins Beobachtung bezüglich Prestigedramen: „These shows are less about what happens and more about the structures that make things happen“ (Martin 2013, S. 12). Folglich rekonfiguriert The Residence den institutionellen Raum nicht als reine Kulisse, sondern als diskursproduzierenden Austragungsort gesellschaftlicher Konflikte, Loyalitäten und Geheimnisse.
Die Bedeutung des Raums wird stark verdeutlicht durch die Lagepläne und Raumpläne des weißen Hauses. Und spätestens hier fühlen wir Rezipienten uns doch stark erinnert an ein Brettspiel: Cluedo. The Times formuliert: „… this is one long game of White House Cluedo.“

Abbildung des weißen Hauses, wie auch in Episode 1 zu sehen, hier https://www.netflix.com/tudum/features/residence-series-white-house-filming-location, Zugriff am 28.06.2025
Das gestreamte Brettspiel
Die Netflix-Serie lässt sich nicht nur als klassisches Whodunit interpretieren, sondern auch als hochgradig allegorisches Erzählformat, das das Motiv des Spiels – insbesondere in Anlehnung an das Brettspiel Cluedo – auf struktureller wie symbolischer Ebene verarbeitet.
Allegorie des Spiels: Ordnung, Rollen und Regelbruch
The Residence entfaltet seine Handlung in einem klar definierten räumlichen Kontext – dem Weißen Haus – mit einer überschaubaren Anzahl agierender Figuren, die jeweils spezifische soziale Rollen wie Haushälter:innen, Sicherheitsbeamt:innen, politische Berater:innen oder Mitglieder der First Family verkörpern. Diese Rollenverteilung reminisziert an die Archetypen des Brettspiels Cluedo, in dem Figuren wie „Oberst von Gatow“ oder „Fräulein Gloria“ ebenfalls durch statushafte Zuschreibungen innerhalb eines abgegrenzten Systems charakterisiert sind. Sowohl im Spiel als auch in der Serie dominiert eine scheinbare Ordnung, welche durch das Verbrechen (den Mord) gestört wird und deren Wiederherstellung das primäre Ziel der Ermittlung darstellt. Der „Spielverlauf“ der Serie – die schrittweise Eliminierung von Verdächtigen, die Entschlüsselung von Motiven und die Sammlung von Indizien – folgt stringent der Logik eines Brettspiels, das auf Deduktion und Täuschung basiert.
Cluedo als ästhetisches und narratives Modell
Das visuelle und strukturelle Design von The Residence referiert mehrfach auf das Spiel Cluedo. Zum einen manifestiert sich dies in der Topographie: Die Räume des Weißen Hauses werden explizit lesbar gemacht – nicht nur als realpolitische Kulisse, sondern als Spielfelder, in denen Informationen, Verdachtsmomente und Bewegungen der Figuren strategisch inszeniert werden. Analog zum Brettspiel wird jede Figur mit einem spezifischen Raum (etwa Küche, Bibliothek, Gartenflügel) assoziiert. Die Kameraarbeit akzentuiert diese räumliche Separierung und verleiht der Serie einen kammerspielartigen Charakter.
Zum anderen arbeitet die Serie mit einem farbenfrohen, leicht artifiziellen Produktionsdesign, das reich an Symbolik ist: Kleidung, Interieur und Objekte wirken oft übercodiert, beinahe wie Spielmarken oder Requisiten. Diese ästhetische Überhöhung evoziert eine Spielhaftigkeit, die nicht nur visuell, sondern auch narrativ mit den Konzepten von Schein und Täuschung, Maske und Rolle korreliert – zentrale Motive in Whodunit- und Spielstrukturen.
Spieltheoretische Dimensionen
Auf einer abstrakteren Ebene inszeniert The Residence soziale Beziehungen als strategische Züge innerhalb eines Systems von Macht, Loyalität und Täuschung. Dies lässt sich mit Johan Huizingas Begriff des Homo Ludens in Verbindung bringen: Der Mensch als Spielender, der durch Regelwerke und symbolisches Handeln gesellschaftliche Strukturen reflektiert. In diesem Sinne wird das Weiße Haus nicht nur zum Tatort, sondern zum symbolischen Spielbrett, auf dem Figuren ihre Positionen wechseln, Allianzen bilden oder brechen, Informationen zurückhalten und manipulieren – stets unter Beobachtung und Bewertung.
Meta-Ebene: Zuschauer:innen als Mitspielende
Die Serie bindet das Publikum aktiv in ihr Spiel ein. Ähnlich wie in Cluedo besteht die Aufgabe der Zuschauer:innen darin, mitzurätseln, Hinweise zu gewichten und Verdachtsmomente zu interpretieren. Diese metareflexive Einbindungentspricht Jason Mittells Konzept der „operational aesthetic“: einem Erzählprinzip, das die Aufmerksamkeit auf das Wie der Narration lenkt und die Rezipient:innen dazu anregt, das narrative Rätsel nicht nur zu konsumieren, sondern es performativ mitzuerleben (vgl. Mittell 2015, S. 52). In diesem Kontext relevante Forschungen, unter anderem von Kim-Carina Hebben, identifizieren zahlreiche Serien als komplexe Spiele mit integrierten Spielmechanismen (vgl. Hebben 2021).
Fazit: Ich verdächtige…
Demzufolge ist The Residence als ein medienreflexives Fernsehformat zu verstehen, das nicht nur Genrekonventionen dekonstruiert und fiktional in politische Räume interveniert, sondern auch die Weiterentwicklung serieller Erzählformen als ästhetisches und epistemologisches Verfahren vorantreibt. Die Serie manifestiert somit exemplarisch eine aktuelle Transformation im seriellen Erzählen: eine Abkehr von primär funktionalen Krimistrukturen zugunsten eines ästhetisch angereicherten, ironisch gebrochenen Formats, das seine eigene Medialität und Tradition versiert reflektiert.
The Residence nutzt die Struktur und Symbolik des Spiels nicht nur als Erzählform, sondern als Allegorie auf institutionelle Macht, soziale Maskerade und die Regeln gesellschaftlicher Ordnung. In der Verbindung von Whodunit, politischer Allegorie und Spielstruktur reflektiert die Serie sowohl das mediale Genre als auch die Mechanismen der Repräsentation selbst – und bietet damit eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Spiel, Wahrheit und Kontrolle.
Literatur
Hebben, K. C. (2021). Spiel in Serie. Black Mirror: Bandersnatch. In: D. Newiak, D. Maeder & H. Schwaab (Hrsg.), Fernsehwissenschaft und Serienforschung. Theorie, Geschichte und Gegenwart (post-) televisueller Serialität (S. 285–314). Wiesbaden: Springer.
Huizinga, J. (1938). Homo ludens: Vom Ursprung der Kultur im Spiel. A.W.Sijthoff’s Uitgeversmaatschappij N.V.
Lotz, A. D. (2007). The Television Will Be Revolutionized. NYU Press.
Martin, B. (2013). Difficult Men: Behind the Scenes of a Creative Revolution. Penguin.
Mittell, J. (2015). Complex TV: The Poetics of Contemporary Television Storytelling. NYU Press.


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