Serielle Praktiken der Un/Ordnung

von @christinepiepiorka und @kimhebben

Auf der GfM-Jahrestagung 2024 zum Thema „Versammeln” vom 25.–28.09.2024 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz wurde sich verschiedenen Medien, Ordnungen, Formen und kritischen Praktiken des Versammelns gewidmet. Die AG Fernsehen beschäftigte sich daher mit den „Fernsehpraktiken des Versammelns“.
Fernsehen ist Versammeln: In frühen Fernsehstuben, als Ort des familiären Lagerfeuers, beim Public Viewing. Fernsehen versammelt auch ohne physisches Zusammensein in disperser Gemeinschaft. Letztlich versammeln auch Inhalte: Sitcoms, Talk- und Spielshows oder politische Debatten. Die AG Fernsehen stellt vergangene, gegenwärtige und zukünftige Fernsehpraktiken des Versammelns zur Diskussion. Werden traditionelle Praktiken durch neue abgelöst oder verändert? Fünf kurze Inputs haben das Diskussionsspektrum aufgezeigt. 

Dieser Beitrag von @kimhebben und @christinepiepiorka analysiert aktuelle Trends und Zuschauer:innenverhalten, um aufzuzeigen, wie „snackable content”, Plattformen und soziale Medien zur Transformation des Fernsehens beitragen und wie dies zu Versammlungen im Kontext von televisuellen Inhalten führen kann. 

Snippets als Snack

Sowohl Streaming-Anbietende als auch Social Media Plattformen bilden die Grundlage für ein Überangebot an Inhalten – es entstehen kleine, separate Einheiten. Durch Entwicklungen wie die zunehmende Fragmentierung des Fernsehens und die Präsentation von „snackable“ Inhalten aus Serien, die sich ideal über soziale Medien verbreiten lassen, sind neue charakteristische Merkmale erkennbar geworden. Piepiorka & Hebben (2024) führen dafür den Begriff „Snippet TV“ ein: Traditionelles Fernsehen wird in ein fragmentiertes Medium umgewandelt, bei dem Inhalte in kurze, eigenständige Abschnitte – sogenannte „Snippets“ – aufgeteilt werden. Diese Veränderung führt gleichzeitig zu einer stärkeren Fragmentierung des Publikums und einer Rezeption, die in kurzen, getrennten Sequenzen erfolgt. Dies führt nicht nur zu einer Veränderung des Konsumverhaltens, sondern auch zu einem Wandel in der Produktion von Inhalten. Soziale Medien und ihre Algorithmen spielen eine zentrale Rolle in dieser Transformation, da sie die Verbreitung und Entdeckung von Fernsehinhalten auf völlig neue Weise erleichtern. Plattformen wie Instagram und TikTok fungieren in diesem Zusammenhang nicht nur als Orte für Diskussion und des Teilens von Inhalten, sondern beeinflussen aktiv die digitale Weiterentwicklung des Fernsehens. Während traditionelle Merkmale des Fernsehens, wie seine Serialität, Programmierung oder spezifische Formate, bestehen bleiben, wird das Medium durch die digitale Transformation, die durch das Internet vorangetrieben wird, herausgefordert. Dabei kann es angesichts der Flut an Optionen und durch das Überangebot an Inhalten schwierig sein, sich zu orientieren. So entstehen neue Praktiken, um Ordnung zu schaffen auf zwei Seiten: die der Produzent:innen und der Nutzer:innen. Dabei treten immer wieder die Prinzipien von „Un/Ordnung” hervor und sind untrennbar miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Dies wird nun anhand einiger Beispiele verdeutlicht und aufgezeigt.

Ordnung schaffen

Netflix als Anbieter unzähliger Serien nutzt Social Media, um die Unüberschaubarkeit des Überangebots zu ordnen. Durch Kategorisierungen werden die Inhalte für User:innen vorsortiert und handhabbar gemacht. Besonders saisonale Bezüge, wie hier der Einzug der kalten Jahreszeit in Deutschland, die an Gemeinschaftspraktiken anlehnen, dienen zur Herstellung von Ordnungsstrukturen in einer Umgebung der Unordnung. 

@netflixde, Instagram, Foto, 15.09.2024

Bestimmte Inhalte werden dabei Affekten und Jahreszeiten zugeordnet: Ein gemütlicher Herbst-Neflix-Abend mit Twilight, Gilmore Girls, Wednesday und The Vampire Diaries. Die drei Serien und eine Filmreihe werden dabei künstlich miteinander in Verbindung gesetzt:

@netflixde, Instagram, Foto, 15.09.2024

Eine weitere arbiträre Zuordnung erfolgt im folgenden Beispiel. „Matched my Freak aus einem anderen Universum” – dabei werden Figuren verschiedenster Serienuniversen, hier Gossip Girl und Bridgerton, kombiniert, um charakterliche Ähnlichkeiten oder potenzielle Sympathien zwischen den Figuren aufzuzeigen. Als Fan einer dieser Serien könnte so der Wunsch aufkommen, auch die zugeordnete Serie zu rezipieren, um die Zusammenhänge nachvollziehen zu können und umfassendes Wissen über die eigene Lieblingsserie zu sammeln. 

@netflixde, Instagram, Foto, 29.08.2024

In Bezug auf einzelne Streaming-Angebote zeigt Netflix Orientierung auf, in dem Serien von Schauspieler:innen in Kürze für Instagram zusammengefasst werden. Das Beispiel zeigt Kristen Bell, die durch das Anteasern einzelner Inhaltsfragmente, hier als Snippets beschrieben, Orientierungspunkte für User:innen anbietet. Im Idealfall führt der Social Media Snippet zum Anschauen der Serie Nobody Wants This auf Netflix.

@netflix, Instagram, Video, 25.09.2024

Nutzer:innen versuchen ihrerseits ebenso Ordnung in die Inhalte zu bringen. Hier entstehen von diversen Fan-Accounts aber auch Einzelpersonen-Accounts Orientierungspunkte für andere Personen zwischen Social Media Nutzer:innen. Hier ein Beispiel von @lucielass, die eine Zusammenfassung der Serie Gilmore Girls in 20 Sekunden anbietet. Die angeteaserten Inhaltsfragmente erfordern Vorwissen über die Serie. Konsumiert man jedoch zahlreiche solcher Snippets, ergibt sich ein umfassender Überblick über die zentralen Tropen und Figuren der Serie, ohne den Originaltext zu kennen. Durch die algorithmische Struktur von Social Media Plattformen entsteht dabei schnell eine Bubble, durch die man in ein Serienuniversum bestehend aus Paratexten einsteigen kann. Die Serie kann demzufolge allein über Snippets rezipiert werden, der Weg hin zum Kerntext der Serie ist dadurch jedoch ebenfalls geebnet.

@lucieljass, Instagram, Video, 07.10.2024

Das nächste Beispiel zeigt eine direkte Verknüpfung zur ursprünglichen Ordnungsstruktur der Serie Gilmore Girls – ihre Staffeln und Episoden. In einem fan-generierten Instagram Post wird aufgefordert: „Describe your favorite Gilmore Girls episodes using emojis“ (Instagram, gilmoregirlsonly, 17.07.2024). Hier findet eine Orientierung und Anlehnung an bekannte Ordnungssysteme statt. Die User:innen zeigen viel Engagement und partizipieren, indem sie nicht nur ihre Lieblingsepisoden als Emojis posten, sondern auch mitraten und diskutieren. Dabei nehmen sie Zuordnungen nach Staffeln und Episoden vor, was sie wieder mit einer rekursiven Bewegung zurück zum Originaltext führt und zu Rewatches einlädt.

@gilmoregirlsonly, Instagram, Foto, 17.07.2024

Das folgende Beispiel zeigt einen Versuch, eine schon lang abgeschlossene Serie wie Friends in den aktuellen Medien- und Fernsehseriendiskurs zu überführen. Im Beispiel wird illustriert, was wäre, wenn Protagonist Joey einen Instagram-Account hätte und wie sein Account aussehen würde. Dabei sind mehrere interessante Aspekte zu beobachten. Zum einen zeigt sich die Verstreuung von Serienfragmenten im Content-Raum Social Media. Dabei zeigt sich eine Aktualisierung, Fortschreibung und Aneignung aktueller Diskurse, die es so zu Zeiten der Serie nicht gab. Und zuletzt führen diese Fragmente wieder zum Haupttext der Serie zurück, die entweder als Reruns im Fernsehen, auf DVD-Box oder auf Streamingplattformen wie Netflix zu finden sind. Somit laden die Snippets zu Rewatches der Serie ein und es zeigt sich abermals eine Rekursivität zum Gesamttext der Serie.

@chandler_bingofficial, Instagram, Foto, 09.09.2024

Erzwungene Zusammenhänge

Der „Demure“-Trend auf TikTok entstand im August 2024, als Influencerin Jools Lebron ihren dezenten Make-up-Look als „very demure, very mindful“ beschrieb. Der Sound des Videos wird als Audio-Meme verbreitet. Laut Shifman (2013) sind Memes digitale Elemente mit gemeinsamen Merkmalen, die bewusst erstellt, verbreitet und verändert werden. Sie erzeugen neue Bedeutungen und Relevanz im fragmentierten und auf Aufmerksamkeit fokussierten „Splinternet“ (Mücke et al., 2022). Der Trend wurde auch mit TV-Inhalten in Bezug gesetzt, so dass sich im hiesigem Beispiel zeigt, dass innerhalb dieser Entwicklungen die Grenzen von fan-produzierten und plattform-produzierten Snippets verschmelzen.

@peacock, TikTok, Video, 16.08.2024 (li.), @erica–thedoula, TikTok, Video, 16.08.2024 (re.)

Im Content-Raum Social Media kommen Videos zum Vorschein, die das Wort „demure” verwenden. Beispielsweise ein Clip aus der Serie Die Nanny, die von 1993-1999 lief. Ein Zusammenhang des Zitats der Protagonistin Fran Dresher und der TikTok-Creatorin Jools ist unwahrscheinlich. Dennoch werden beide Videos wie Teile eines Mosaiks im Content-Raum Social Media zusammengeführt und ein Zusammenhang erzwungen. Ergänzend wird dann noch eine Szene aus Gilmore Girls angefügt, die das Wort „demure” ebenfalls in einer Szene nutzen. So entstehen Vorschläge für verschiedene Formen von Organisation und Anordnung der Snippets, die angenommen und weiterentwickelt werden.

Versammeln

Dem „snackable” Content, den Snippets und damit dem Überangebot, das eine Unordnung aufweist, wird eine Ordnung entgegengesetzt. Der dahinter liegende Prozess ist einer des Versammelns: Produzent:innen und User:innen führen zusammen, was zunächst getrennt erscheint. Um dem Verhalten der Nutzer:innen zu begegnen, werden televisuelle Inhalte als „Snippet TV” in kleinen, leicht konsumierbaren Teilen angeboten. Die im Content-Raum Social Media zirkulierenden Snippets werden durch unterschiedliche Ordnungsstrategien kategorisiert und zusammengeführt. Dabei entstehen Vorschläge, die auf neue Ordnungsformen verweisen. Gleichzeitig verschmelzen fangenerierte und offizielle Fragmente. Durch das Aufgreifen aktueller Trends und Diskurse werden Serien aktualisiert und erfahren eine Rekursivität zurück zum Originaltext der Serie. Darüber hinaus werden Serienfragmente innerhalb neuer Anordnungen versammelt, beispielsweise zu saisonalen Anlässen oder Memes und Trends untergeordnet. Dabei entstehen mitunter auch arbiträre und erzwungene Zuordnungen, die aus dem Wunsch der Nutzer:innen nach Orientierung hervorgehen. Doch gerade die beschriebenen Formen der Unordnung machen das Fernsehen omnipräsent, da sie eine aktive, medienübergreifende Auseinandersetzung mit den Inhalten einfordern.


Quellen

Mücke, Laura; Moskatova, Olga & Tedjasukmana, Chris (2022): Editorial. In: Montage AV, 1 (2022), S. 4–17.

Piepiorka, Christine & Hebben, Kim Carina (2024): Snippet TV – Quality und Quantity im (Post-)Televisuellen. In: Venzmer, Elsa-Margareta (Hrsg.): Perspektiven des Quality Television: Theorie – Ästhetik – Fandom – Queer-feministische und gesellschaftskritische Serienpraktiken. Chemnitz: TheNextArt Verlag, S. 33-55.

Shiftman, Limor (2013): Memes in Digital Culture. Cambridge: MIT Press.

Eine Antwort zu „Serielle Praktiken der Un/Ordnung“

  1. […] von Memes zu den Serien Gilmore Girls (USA 2000 – 2007, 2016) und The Nanny (USA 1993 – 1999) Serielle Praktiken der Un/Ordnung vor. Diese zeigen den Zusammenhang der dadurch entstehenden Serienfragmente mit gegenwärtigen […]

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