Diskurse der Fernsehsucht: Jeffrey Manders Schafft das Fernsehen ab! (1978)


Von @herbertschwaab

In einer medienpsychologischen Studie zum Potenzial von Medien, Sucht auszulösen, findet sich folgende bahnbrechende Erkenntnis:

„Wann kann man nun schließlich sagen, dass jemand fernsehsüchtig ist? […] Alarmzeichen sind […] die soziale Abkapselung und die Denkweise, dass einem das Fernsehen stets mehr zu bieten hat als das eigene Leben. Wenn Letzteres zutrifft, sollten sie schnell etwas unternehmen, um das zu ändern.“ (Singer 2002, S. 2)

Einen akuten Fall solcher Fernsehsucht lässt sich in der Sitcom King of Queens betrachten, wenn der Fernseher der Hauptfigur kaputtgeht und sich Doug nicht weiter zu helfen weiß, als sich in Säuglingshaltung auf der Couch zusammen zu kauern und sich apathisch in den Schlaf zu wiegen.

Die Diagnose der Fernsehsucht wird eher in fernsehwissenschaftlich wenig ertragreichen medienpsychologischen Werken gemacht und es wirkt wie bei Singer immer etwas putzig, wie dort Fernsehserien beschrieben werden. Die Sitcom selbst scheint sich über solche Zuordnungen lustig zu machen. Singers Beschreibung der Symptome von Fernsehsucht wirkt eher skurril und ähnlich absurde Momente einer Unterstellung von Fernsehsucht finden sich auch in Jeffrey Manders obsessiven und aggressiven Fernsehkritik, die er 1978 in dem Werk Four Arguments for the Elimination of Television entwickelt hat, die in den 1980er Jahren auch in Deutschland unter dem etwas griffigeren Titel Schafft den Fernseher ab! veröffentlicht wurde. Als ehemaliger Mitarbeiter der Werbeindustrie geht diese Kritik selten auf die Inhalte des Fernsehens ein. Fernsehserien wie Happy Days oder Roots werden erwähnt, um darauf hinzuweisen, wie die Wirklichkeit durch ihr Abbild ersetzt wird, eine Ersatzerfahrung liefert und falsche Vorstellungen in den Zuschauenden erzeugt, eine Kritik, die sehr stark an Günter Anders und sein Konzept der Repräsentation als Phantom erinnert.

Sonst ist diese Sichtweise sehr stark davon gekennzeichnet, Fernsehen als Materie, die direkt auf die Sinne einwirkt, aufzufassen. Das führt interessanterweise zu einer Reihe von kontraintuitiv wirkenden Revisionen klassischer Positionen der Fernsehwissenschaft, die nur wenig später formuliert wurden und die Auseinandersetzung mit dem Medium prägen sollten. Unter anderem finden sich bei Mander folgende Revisionen:

(1) Statt die Liveness des Fernsehens (vgl. Ellis 2001; Cavell 2001) herauszustellen oder wie Newcomb und Hirsch zu betonen, dass das Medium ein kulturelles Forum biete, um gesellschaftliche Probleme zu diskutieren (vgl. Newcomb/Hirsch 2009), wird Fernsehen bei Mander als Medium der Vereinzelung und der Ersatzgemeinschaft gedeutet. 

“Television encourages separation: people from community, people from each other, people from themselves, creating more buying units and discouraging organized opposition to the system. It creates a surrogate community: itself.” (S. 133)

(2) Während John Ellis (2001) in „Fernsehen als kulturelle Form“ den Unterschied zum Kino betont, statt von einem gebannten Blick (gaze) von einem abgelenkten, beiläufigen Blick (glance) spricht und dies als Folge eines häuslichen Dispositivs betrachtet, in dem ein kontrastarmes und lichtschwaches Medium mit seinem kleinen Bildschirm um die Aufmerksamkeit der Zuschauenden kämpfen muss, spricht Mander von einem lichtstarken Medium, das mit seinen intensiven Strahlen jede Schwelle unserer Wahrnehmung und unseres Bewusstsein zu durchdringen und uns zu beschießen vermag:

“Television light is purposeful and direct rather than ambient. It is projected into our eyes from behind the screen by cathode-ray guns which are literally aimed at us. These guns are powered by 25,000 volts in the case of color television, and about 15,000 volts in black and white sets. The guns shoot electron streams at phosphors on the screen. This makes the phosphor glow, and their light projects from the screen into our eyes.” (170)

Mander betont sogar, dass das Fernsehbild hypnotischer sei als das Kinobild, weil es im Unterschied zum Kino durch seine geringe Größe die Augenbewegungen stillstelle. Diese Fixierung auf das Licht selbst statt auf die von ihm projizierten Bilder geht so weit, dass er nach Belegen für einen schädlichen Einfluss von Licht auf das Zellwachstum sucht. Er lässt sich auch dann nicht darin beirren, diese These weiterzuverfolgen, als ein Wissenschaftler äußerst genervt auf seine Nachfragen reagiert und ihn fragt, woher er den ganzen Unsinn habe.  Am Ende dieser Beschäftigung kommt Mander zu dem etwas kryptischen Fazit: „[…] there is no doubt that sitting and looking at television lights affects our cells in some way. But no one can say how, and not many are asking” (191).

(3) Wenn die Wirkung von Strahlen als direkter Angriff auf unsere Wahrnehmung gedeutet wird, ist es auch kein Wunder, dass jede Form der kognitiven Verarbeitung von Fernsehtexten, die beispielsweise John Fiske (1987) mit dem Konzept des aktiven Publikums entwickelt hat, in Frage gestellt wird. Mander betont immer wieder, dass Fernsehen ein Instrument der Gehirnwäsche und von Hypnose ist und es deswegen suchterregend sei:

“Television seems to be addictive. Because of the way the visual signal is processed in the mind, it inhibits cognitive processes. Television qualifies more as an instrument of brainwashing, sleep induction and/or hypnosis than anything that stimulates conscious learning processes.”  (348)

Stanley Cavell hat in seinem Essay zum Fernsehen, der 1982 veröffentlicht wurde, sehr süffisant Manders Vorstellung von einem hypnotisierenden und gehirnwaschenden Medium in Frage gestellt. Cavell weist auf eine Passage von Mander hin, in der er behauptet, Fernsehen entspräche einer Beeinflussungsmaschine, wie sie der Psychoanalytiker Victor Tausk entwickelt hatte (111). Allerdings unterschlägt Mander die nicht unbedeutende Tatsache, dass sie von Tausk als Symptom von Schizophrenie beschrieben wird und dass Mander damit eine wahnhafte Vorstellung wiederhole, die eigentlich bedeute, dass er selbst Symptome von Wahnsinn äußere (vgl. Cavell 1984, 266).

Manders Revisionen wirken wie die Folgen des ultimativen Versuchs der Abrechnung mit einem Medium, das in den 1970er Jahren im Unterschied zu heute durchaus politisch relevant und gemeinschaftsbildend sein konnte. Das zeigt zum Beispiel der große Erfolg der Serie Holocaust und seiner Leistung, die Menschen dazu gebracht zu haben, über die Verbrechen der Nazis zu sprechen. Ich muss zugeben, dass mich dennoch Manders Hartnäckigkeit fasziniert, wie er auf fast 400 Seiten nach Argumenten gegen das Fernsehen sucht und dabei nahezu komplett vermeidet, auf einzelne Inhalte einzugehen. Auch wenn Mander oft das Gegenteil von dem behauptet, was dem fernsehwissenschaftlichen Standard entspricht, findet sein Zugang Impulse in einer von McLuhan geprägten Medientheorie, der hier auch explizit genannt wird, und einem medienökologischen oder kybernetischen Denken, das zwar nicht als solches bezeichnet wird, aber sich immer wieder manifestiert. So erinnert einiges in der Art, wie von Lichtwellen und Gehirnwellen, physikalischen Eigenschaften oder chemischen Substanzen gesprochen wird und wie Wirkungen beschrieben werden, die wir nicht verarbeiten, weil nicht deuten können, nicht nur gelegentlich an Kittler und an ein medientechnologisches Denken. Es wirkt wie der innovative Jargon des Neuen Materialismus und dessen dichte und genaue Beschreibungen und transhumanen Vorstellungen, in denen Menschen nur eines von vielen Elementen von Strömen von Energien und Informationen oder Wirkungsverhältnissen sind. Dieses ökologische Denken wird bei Mander dadurch greifbar, dass er seine Theorien als ‚environmental‘ bezeichnet und selbst als Umweltaktivist sich mit ökologischen Belangen und mit dem Widerstand von Indigenen in Arizona gegen Bergbauprojekte auseinandersetzt. Dabei untersucht er in einer längeren Passage sehr genau, welche Einflüsse auf die eigene Kultur der Versuch der indigenen Aktivisit:innen hatte, mit Medienarbeit auf ihre Lage hinzuweisen, was mit einer problematischen Anpassung ihrer Kultur an die Bedingungen des Fernsehens einhergeht (39f.).

Letztlich hat auch die Fernsehwissenschaft immer wieder von diesem Denken und der Verschiebung der Perspektive profitiert, wenn etwa Roger Silverstone in Television and Everyday Life (1994) darauf hinweist, dass Fernsehen in den häuslichen Arrangements den Platz des wärmespendenden und familienversammelnden Herdes in traditionellen Lebensformen übernimmt, oder wenn Tania Modleski in Rhythmen der Rezeption die Unterbrechbarkeit des Fernsehtextes als eine wichtige Eigenschaften der Zeitlichkeit des Mediums benennt und zeigt, wie diese Eigenschaft mit dem Alltag der Zuschauenden korrespondiert. Interessant ist, dass Mander nur wenige Jahre nach Raymond Williams‘ Veröffentlichung Television: Technology and Cultural Form seine eigene Version von Williams‘ Theorie der mobilen Privatisierung anbietet, wenn er darauf hinweist, dass Suburbia entstanden sei, weil Fernsehen und Werbung „suburb people“ produziert habe (125).

Alle diese Ansätze sind deswegen interessant, weil sie Signifikantes über das Medium zu sagen haben, ohne auf die Inhalte des Mediums eingehen zu müssen. Manders Arbeit trägt, wenn auch auf verworrene Weise, zu diesem Denken bei oder ist von ähnlichen Quellen inspiriert. Vieles, was das Suchtpotenzial von Fernsehen angeht, bleibt kryptisch: “Television seems to be addictive. Because of the way the visual signal is processed in the mind, it inhibits cognitive processes. Television qualifies more as an instrument of brainwashing, sleep induction and/or hypnosis than anything that stimulates conscious learning processes.” (348) Viel stärker als diese eher vage Beschreibung von Fernsehen als Droge wiegt für Mander die Möglichkeit oder Hypothese, das Fernsehen durch die Wirkung des Lichts auf Zellen Krebs auslösen könne, so dass hier Sucht im Kontext der vergleichbaren Schädlichkeit von Rauchen betrachtet wird.

Theorien zu einer möglichen Fernsehsucht liefert dieses Werk also nicht, aber Sucht ist ein Symptom eines bisweilen interessanten Denkens in Substanzen. Dadurch gewinnt Mander eine neue Perspektive, die sich auf Wirkungen jenseits von Psychologie und einer von der Lesbarkeit des Fernsehtextes abgeleiteten Bedeutung bezieht, nämlich die Vorstellung, dass Fernsehen eine chemische Substanz ist oder eine physikalische und physiologische Wirkung hat.

Literatur

Cavell, Stanley (1984) The Fact of Television. In: Themes out of School. Effects and Causes. Chicago und London: University of Chicago Press, 235-268.

Ellis, John (2001) Fernsehen als kulturelle Form. In: Adelmann, Ralf u.a. (Hg.) Grundlagentexte zur Fernsehwissenschaft. Theorie – Geschichte – Analyse. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, 44-73.

Fiske, John (1987) Television Culture. London/New York: Routledge.

Mander, Jerry (2002) [1978] Four Arguments for the Elimination of Television. New York: Perennial.

Modleski, Tania (2001) Die Rhythmen der Rezeption. Daytime-Fernsehen und Hausarbeit. In: Adelmann, Ralf u.a. (Hg.) Grundlagentexte zur Fernsehwissenschaft. Theorie – Geschichte  – Analyse. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, 376-387.

Hirsch, Paul M. / Newcomb, Horace M. (2009) Fernsehen als kulturelles Forum. Neue Perspektiven für die Medienforschung. In: Grisko, Michael (Hg.) Texte zur Theorie und Geschichte des Fernsehens. Stuttgart: Reclam, 182-197.

Silverstone, Roger (1994) Television and Everyday Life. London/New York: Routledge.

Singer, Barbara (2002) Medien – von der Faszination zur Sucht. Wien: LexisNexis.

Williams, Raymond (1974) Television. Technology and Cultural Form. London/New York: Routledge.