„Aber der Fernseher ist doch kaputt!“

(Un)Sichtbarkeiten von Abhängigkeit und Entzug

von Monika Weiß @drweissmo

Unter dem Schwerpunktthema ABHÄNGIGKEITEN fand die GfM-Jahrestagung im September 2023 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn statt. Die AG Fernsehen war mit dem Panel Sichten und Suchten. Abhängigkeiten im Fernsehdiskurs vertreten und hat verschiedene Perspektiven und Fragen im Zapping-Format präsentiert.

„Fernsehabend“; eigener Screenshot

Im Mai 1977 präsentierten die ARD erstmals Loriots Sketchreihe zu den „Szenen einer Ehe“. Im „Fernsehabend“ sitzt das schrullige, aber doch liebenswerte Ehepaar vor ihrem defekten Fernsehgerät. In Überforderung mit der Situation, was nun alles möglich ist, wo man doch nicht fernsehen kann, unterhalten sie sich über das Fernsehprogramm und ihr eigenes Fernsehverhalten. Es wird den Zusehenden klar, wie sehr die beiden Figuren vom gesendeten Programm abhängig sind, auch wenn es ihnen selbst nicht klar zu sein scheint. Parallel dazu könnte die eigene Reflexion bei den Zuschauenden einsetzen: Bin auch ich abhängig von den Medien?

Internetprobleme und andere Störungen

Heute ist es nicht mehr der kaputte Fernseher, der vom Schauen abhält. Die breite Masse an Geräten, über die Fernsehinhalte genutzt werden, dezimiert diese Gefahr. Auch sind wir kaum noch vom gesendeten linearen Programm abhängig. Der individuelle Zugriff auf Mediatheken oder Streamingdienste fängt einige Störungselemente auf. Dafür sind aber andere relevant geworden, etwa Netzstörungen oder dass ein geteilter Streaming-Account schon von anderen Familienmitgliedern genutzt wird und damit für einen selbst gesperrt bleibt. Störungen also. Störungen, die nicht selbstverantwortet sind und derer man sich nicht selbst entledigen kann. Störungen, die im medialen Gebrauch Abhängigkeiten sichtbar werden lassen.

Theorien der medialen Störung gehen grundsätzlich vom Medium als dienliches Werkzeug aus (etwa Rautzenberg 2009 oder Jäger 2004). Dabei ist das prägende Merkmal die Unauffälligkeit des Sende-Mediums. Die Störung deckt die Schnittstelle zwischen der medialen Nutzung und dem apparativ-medialen Angebot auf, die im Normalbetrieb unsichtbar bleibt: „Die Modi der Auffälligkeit, Aufdringlichkeit und Aufsässigkeit haben die Funktion, am Zuhandenen den Charakter der Vorhandenheit zum Vorschein zu bringen“, wie Heidegger in „Sein und Zeit“ (S. 74) bereits 1927 formuliert. Das bedeutet im Mediengebrauch, dass während des Funktionierens die Abhängigkeit zum oder vom Medium nicht kenntlich wird. Störungen aber offenbaren diese (Wolfsteiner 2012, S. 48). Somit ist die Störung medientheoretisch weder Unfall noch Abweichung vom Normalzustand, sondern vielmehr integraler Bestandteil von Medialitäten und Abhängigkeitsverhältnissen von, zu oder durch Medien.

Sucht und Entzug

Nun im Jargon des Sichtens und Suchtens ausgedrückt:

Störung bedeutet (kalter) Entzug, denn das Medium – Fernsehen, Mediathek oder Streamingdienst, aber auch Apps wie TikTok oder Instagram – wird als dealend wahrnehmbar. Die Suchtbefriedigung bleibt aus, was das Abhängigsein voneinander – von Dealern und Süchtigen – verdeutlicht. Beide Seiten wollen diese Momente vermeiden, denn Dealende wollen ihre Kund_innen nicht verprellen und verdienen, die Konsumierenden als Süchtige brauchen hingegen die Ware (ihre Medieninhalte) zur Bedürfnisbefriedigung, nicht nur nach Unterhaltung, sondern auch bei der Alltagsstruktur und ihrem habituellen Verhalten. Das Abhängigkeitsverhältnis soll nicht wahrnehmbar funktionieren, denn niemand will sich im Alltag darüber bewusstwerden.

Ohne Störung ist letztlich der Glaube aufrecht erhaltbar, wir würden Medieninhalte nach unseren Wünschen, selbstbestimmt und unabhängig nutzen. Aber tritt eine Störung auf, werden wir uns des Gegenteils bewusst, dass nämlich zu einem großen Teil auch die Medien die Entscheidungen der Nutzung treffen.

Kommen wir nochmal zurück zu Loriots „Fernsehabend“:

„Fernsehabend“; eigener Screenshot

Funktioniert einmal etwas nicht, wollen wir uns von dem kaputten Gerät (oder den Internetproblemen) auch nicht vorschreiben lassen, wo wir hinsehen sollen oder wann wir ins Bett gehen.

Literatur

Beil, Benjamin et al. (Hg.) (2012): Navigationen: I AM ERROR. Störungen des Computerspiels. DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/1119, zuletzt: 23.01.2024.

Heidegger, Martin (1967): Sein und Zeit [1927], 11. unveränderte Aufl., Tübingen.

Jäger, Ludwig (2004): „Störung undTransparenz. Skizze zur performativen Logik des Medialen“. In Sybille Krämer (Hg): Performativität und Medialität. München, S. 35-75.

Rautzenberg, Markus (2009): Die Gegenwendigkeit der Störung, Berlin/Zürich.

Wolfsteiner, Andreas (2012): „Errorszenario. Zur Relation von Störung, Planung und Objekt beim Bildschirmhandeln“. In: Navigationen – Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften, DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/1082, zuletzt: 23.01.2024.

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