Selenskyj, Trump und die Rollen ihres Lebens
Von Anne Ulrich (@anneulrichtv)
Es ist einerseits naheliegend und andererseits kontraintuitiv, den amtierenden ukrainischen Präsidenten Selenskyj mit dem ehemaligen US-Präsidenten Trump zu vergleichen – und doch verfügen die Rollen, die sie spiel(t)en, und die medialen Umgebungen, die ihre jeweiligen Karrieren begünstigten, über mehr Gemeinsamkeiten, als gemeinhin vermutet werden dürfte.
Beide, Wolodymyr Selenskyj und Donald J. Trump, waren Unternehmer und Unterhaltungskünstler, die sich bei ihrer Präsidentschaftskandidatur als Polit-Neulinge inszenierten und gegen eine politische Klasse antreten konnten, die in manchen (USA) oder weiten Teilen der Bevölkerung (Ukraine) schon längst das Vertrauen verloren hatte. Beide brachten ein spielerisches, unterhaltsames und zugleich ‚authentisches‘ Element in die Politik, da sie nicht mit der als korrupt, verkrustet und verlogen wahrgenommenen Machtelite des jeweiligen Landes assoziiert wurden. Sie wurden zur Projektionsfläche und wussten diesen Umstand bewusst einzusetzen – da sie über langjährige Erfahrungen im Inszenierungsbetrieb Fernsehen verfügten.
Fernseh-Popularität
Bei Donald Trump war es bekanntlich seine Rolle als Host der Realityshow The Apprentice (NBC, 2004–2017), die ihm eine landesweite Popularität bescherte und viele Charakteristika seines Regierungsstils vorwegnahm (vgl. Maeder 2020). Davor ein (mehrfach pleite gegangener) Immobilienunternehmer – danach Fernseh-Celebrity mit ergebenen Fans und leidenschaftlichen Antifans (vgl. Einwächter 2020), bereit, den politischen ‚Eliten‘ Washingtons mit Nonchalance und Ignoranz den Kampf anzusagen.
Bei Wolodymyr Selenskyj lässt sich die immense Popularität, mit der er 2019 sehr kurzfristig in den Wahlkampf einstieg, zwar auch auf die Rolle in der von ihm mit konzipierten und produzierten Politserie Diener des Volkes (1+1, 2015–2019) zurückführen. Er zählte als Moderator zahlreicher Abend-Shows, Kabarettist, Schauspieler, Tänzer, Synchronsprecher, Fernsehproduzent und Drehbuchautor aber bereits davor zu den bekanntesten Showmastern der Ukraine – wer nach einer Entsprechung im Deutschen sucht, könnte wohl auf eine Kombination aus Stefan Raab und Jan Böhmermann kommen. Politisches spielte in seinen Auftritten mit der von ihm mitbegründeten Kabarettgruppe Kvartal 95 allerhöchstens als Stoff für Satire eine Rolle – es sind etwa Putin-Witze überliefert oder Sketche, in denen Oligarchen lächerlich gemacht werden. Schenkt man den jüngst zusammengestellten Fernsehdokumentationen über Selenskyj Glauben, brachten seine Schauspielkolleg:innen und er die Nation zum Lachen wie kaum jemand zuvor, selbst in krisenhaften und dunklen Momenten der 2010er Jahre.
Mr. Holoborodko goes to Kiew
Das junge, sympathische, aus einem gebildeten Haushalt stammende Multitalent eckte, im Gegensatz zum älteren, selbstverliebten und kalkuliert unberechenbaren Multimillionär, kaum an und entsprach damit der TV-Erfolgsstrategie des „least objectionable programming“, während Trump schon längst zum „most objectionable programming“ übergegangen war (Poniewozik 2019). Nun ist es keineswegs so, dass Trump nicht gefallen wollte – er war (und ist) nur nicht bereit, deswegen auch nur auf irgend jemanden Rücksicht zu nehmen. Und als er merkte, dass er mit dieser politisch unkorrekten Art nicht nur Popularitäts-, sondern auch Polit-Punkte sammeln konnte, wurde ein Eintritt in die Politik immer wahrscheinlicher.
Selenskyj hingegen folgte als Mit-Autor und Produzent von Diener des Volkes einem anderen politischen Instinkt und setzte der Realität des Landes eine programmatische Vision entgegen. In dieser verkörpert er den aufrechten, engagierten und beliebten Geschichtslehrer Wassyl Holoborodko, der überraschend zum Präsidenten gewählt wird und sich dem Kampf gegen die Korruption verschreibt. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten gelingt es dem cleveren Outsider mit unkonventionellen Methoden tatsächlich, den Oligarchen die Stirn zu bieten, korrupte Politiker:innen abzusetzen und die Staatsfinanzen ansatzweise zu sanieren. Die präsidiale Figur erweist sich als unbestechlich, bescheiden und prinzipientreu, noch dazu als humorvoll und liebenswert.
Hantologische Begegnungen
Inszeniert ist diese politische Fiktion als wenig subtile Satire mit überzeichneten Charakteren und viel physical comedy, die – wie in der Süddeutschen Zeitung geschehen – durchaus als brachial bezeichnet werden darf. Gleichzeitig setzt sie sich aber vergleichsweise ernsthaft mit politischen Konzepten auseinander. Dem ehemaligen Geschichtslehrer begegnen in Tag- oder Nachtträumen nämlich regelmäßig Figuren aus der Vergangenheit, mit denen er sich herumstreiten darf. Eingeleitet wird diese – mit Derrida (1993) gesprochen – hantologische Dimension der Serie zu Beginn der zweiten Episode, in der sich Plutarch und Herodot an der Bettkante des schlafenden Holoborodko über die politische Nähe der Ukraine zu Europa unterhalten.

In späteren Episoden sind es dann einzelne Geisterfiguren, die sich in die Szenen drängeln und – ganz ähnlich wie Plutarchs vergleichende Biographien – einen Abgleich ihrer politischen Haltung mit derjenigen Holoborodkos erlauben. In der dritten Folge erinnert Abraham Lincoln den ukrainischen Präsidenten etwa an seine Verantwortung für die einfachen, sich den Rücken krumm schuftenden Leute. Und etwas später in der Staffel empfiehlt ihm der Großfürst von Kiew, Jaroslaw der Weise, die finanziellen Probleme des Landes durch strategische Heirat mit der IWF-Vertreterin zu lösen. Neben Cäsar, Louis XVI., Che Guevara und Al Capone hat – im dramatischen Finale der ersten Staffel – auch Iwan der Schreckliche einen unheimlichen Auftritt mit der Verheißung: „Bleibt tapfer, Blutsbrüder, bald schon befreien wir euch.“

Mediale Matrizen
Diener des Volkes liefert damit eine – wenn auch stark auf die Bekämpfung der Korruption zugespitzte – Matrize, die der Kandidat Wolodymyr Selenskyj gewissermaßen ‚nur noch‘ umzusetzen brauchte. Die zu ihrer Zeit belächelten Befürchtungen Günther Anders’ (1956) oder Jean Baudrillards (1978) hinsichtlich der Prägekraft der Simulakren schienen sich auf irritierende Art zu verwirklichen. Auch wenn die Serie sicherlich nicht von Anfang an das Ziel verfolgte, Selenskyj in jenes Amt zu hieven, das er in seiner Rolle als Holoborodko längst innehatte, ist die „Curious Literariness of Real Life“ (Fussell 1975), also die Prägekraft des Fiktionalen für die Realität nicht von der Hand zu weisen – zumal sich Selenskyj und sein Wahlkampfteam nicht um klare Abgrenzungen bemühten.
So benannten sie die Partei nach der Serie, verzichteten weitgehend auf Wahlprogramm und Werbespots und ließen die zum Zeitpunkt des Wahlkampfs ausgestrahlte dritte und letzte Staffel der Serie für sich sprechen. Die Bustour des Kandidaten konnte in sozialen Netzwerken intensiv verfolgt werden, über die sich Selenskyj ganz direkt an die Wähler:innen wandte. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass sich die politischen Analysen der Präsidentschaftswahl 2019 in einem einig waren: Gut 73 Prozent der Ukrainer:innen entschieden sich nicht zwingend für Selenskyj (oder verwechselten ihn gar mit der Figur Holoborodko), sondern in erster Linie gegen Amtsinhaber Petro Poroschenko (vgl. Umland 2020).
„I’m as mad as hell and I’m not gonna take this anymore“
Trump entwickelte seine politische Persona medienhistorisch gesprochen am Übergang vom „most objectionable programming“ des Fernsehens zu den affekt- und resonanzgetriebenen sozialen Medien. Vor allem Twitter ermöglichte dem Trickster, mit seiner Verachtung für den Washingtoner Betrieb zu spielen und zu erproben, wie weit er mit seiner Unkorrektheit gehen konnte und wie wenig ihm seine Unerfahrenheit zum Nachteil gereichte. So gelang es ihm – verkürzt gesprochen – über die Adressierung von Wut und Frustration eine Mehrheit hinter sich zu versammeln. Eine Art Urszene dieser Empörung gegenüber den Eliten findet sich in der weitsichtigen Fernsehsatire Network von Sidney Lumet aus dem Jahr 1976. Dort erhält ein eigentlich geschasster Nachrichtensprecher mit dem Aufschrei „I’m as mad as hell and I’m not gonna take this anymore“ unerwartet Resonanz, bekommt daraufhin seine eigene Show, die jedoch vollkommen aus dem Ruder läuft.
Genau eine solche Wutrede ist es, gekoppelt mit der Affektlogik der sozialen Medien und der partizipativen Macht der Vielen, die auch dem unscheinbaren Geschichtslehrer Holoborodko in Diener des Volkes zur Präsidentschaftskandidatur verhilft. Die sozialen Medien werden in Diener des Volkes fortan jedoch weitgehend ausgeblendet, während sie in den Präsidentschaften von Trump und Selenskyj gleichermaßen eine bedeutende Rolle spiel(t)en. Beide pass(t)en ihre im Fernsehen geformten Rollen den Twitter- oder Instagram-Logiken an und simulier(t)en eine noch größere Nähe zu ihren Fans. Beide nutz(t)en diese doppelt medial konstituierte Popularität für politische Zwecke und mach(t)en sich mehr und mehr unabhängig von den klassischen Nachrichtenmedien.
Für einen kurzen Moment kreuzten sich ihre politischen Wege in der sogenannten Ukraine-Affäre – eine Begegnung, die Donald Trump lakonisch kommentierte mit den Worten: „He’s made me more famous and I’ve made him more famous“. Damals war noch nicht abzusehen, welche weiteren Krisen sie erwarten sollten. Der eine nutzte die Pandemie vor allem als Mittel zur Steigerung seiner eigenen Popularität. Dann akzeptierte er seine Abwahl nicht und stachelte einen wütenden Mob zum Sturm aufs Kapitol mit an. Der andere trat die Demokratie nicht mit Füßen, sank aber rasch in den Umfragewerten und musste politische Niederlagen einstecken. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 jedoch wirkt er, als hätte er seine eigentliche Rolle gefunden: als ‚Diener-in-Chief‘. Im olivgrünen T-Shirt erscheint er – im Geiste Churchills, aber nahbar wie Selenskyj – auf allen Kanälen, stärkt die Moral seiner Truppen und der Bevölkerung und redet – wie in der Serie etwa Lincoln oder Plutarch dem Geschichtslehrer – den westlichen Parlamenten sehr eindringlich ins Gewissen.
Literatur
Anders, Günther: Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen. In: Ders. Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München 1956, S. 97–211.
Baudrillard, Jean: Agonie des Realen. Berlin 1978.
Derrida, Jacques: Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale. 4. Auflage. Frankfurt a.M. 2014 (Original 1993).
Einwächter, Sophie G.: Das Marken-‚Fan-o-men‘ Trump: Ein Exzess der Mediatisierung von Politik. In: Dominik Maeder u.a. (Hrsg.): Trump und das Fernsehen. Medien, Realität, Affekt, Politik. Köln 2020, S. 308–340.
Fussell, Paul: The Great War and Modern Memory. Oxford 2013 (Orig. 1975).
Maeder, Dominik: Die Regierung der Kontingenz. Zur Prämediation präsidialer (Entscheidungs-)Macht in The Apprentice. In: Ders. u.a. (Hrsg.): Trump und das Fernsehen. Medien, Realität, Affekt, Politik. Köln 2020, S. 51–81.
Poniewozik, James: Audience of One. Donald Trump, television, and the fracturing of America. New York 2019.
Umland, Andreas: Die ukrainischen Präsidentschaftswahlen 2019 im historischen Kontext: Paradoxa und Ursachen der Niederlage des Amtsinhabers Petro Poroschenko. In: Zeitschrift für Politik 67/4 (2020), S. 418–436.
Beitragsbild: Screenshot aus der ZDF-Dokumentation „Wer ist Wolodymyr Selenskyj“, https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/wer-ist-wolodymyr-selenskyj-umstrittener-politiker-gefeierter-kriegsheld-100.html, min. 26:38.


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