Claus Kleber und die Gendern-Kritik im Heute Journal vom 2.4.2019

Seit Jahren illustriere ich in einem Kurs zur Fernsehanalyse Adressierungsstrategien von Nachrichten, die vor noch längerer Zeit von John Fiske und John Ellis beschrieben wurden, mit einem kleinen Clip aus dem heute journal, in dem Claus Kleber einen Bericht über den Tod eines Jugendlichen beim Flatrate-Saufen anmoderiert. Er verkörpert auf perfekte Weise eine Ansprache und Interpellation, die den gesunden Menschenverstand bemüht, durch Verweise auf unsere lieben Verwandten eine Alltagsnähe herstellt und damit  jenes Wir konstruiert, das immer auch eine Gruppe miterschafft, die von diesem Wir nicht erfasst wird. Claus Kleber ist ein Meister darin, so zu tun, als wüsste er genau, was wir wissen und fühlen. Meistens ist es mir egal, wie Claus Kleber hier agiert, aber seitdem er Kritik erfahren hat für die Art, wie er Maria Furtwängler und die von ihr vorgestellte Studie zu Genderungleichheiten in der Fernsehproduktion in einem Interview in der Sendung behandelt hat, bin ich ihm  und seinem gesunden Menschenverstand gegenüber doch ein wenig misstrauisch. Gelernt hat er aus dieser Kritik nichts. Ein Beitrag zum Gendern, der im heute journal als letzter Beitrag am 2.4.2019 lief, ist so ägerlich, dass dieser nichtaktive Blog nach einem Jahr wieder aktiviert wird. Dem Bericht wäre eine gewisse Neutralität zu attestieren, weil Anne Wizorek genauso lange zu Wort kommt wie die unsägliche Monika Maron vom ebenso unsäglichen Verein für deutsche Sprache und seiner grauenvoll dummen Petition gegen das Gendern, zu der Margarete Stokowski alles gesagt hat, was dazu zu sagen ist (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gender-debatte-wer-ist-hier-hysterisch-kolumne-a-1257414.html). Die selben, von Stokowski identifizierten Muster – lächerliche Beispiele von Wortungetümen erfinden, die angeblich beim Gendern gefordert würden, Feministinnen Irrationalität zu unterstellen, Menschen, die Gendern fordern, die unerbittliche Macht einer Sprachpolizei zuzuordnen –  finden sich fast alle in dem Bericht wieder. Bezeichnend und verhehrend ist auch, dass Monika Maron das letzte Wort in dem Bericht bekommt, womit die Perspektive des Beitrags, alles Gendern ist lächerlich und übertrieben und jetzt müsse man oder frau doch die Kirche im Dorf lassen, unterstrichen wird. Kleber moderiert den Beitrag mit dem Zitieren eines Verses von Shakespeare an, um dadurch zu suggerieren, dass diese Sprache kaputt gemacht werden soll. Die angesprochenen Beispiele, die als übertrieben charakterisiert werden, stammen aus dem Bereich der Verwaltung, ein Sprachbereich, von dem glaube ich kaum eine oder einer je erwartet oder gerfordert hätte, besonders poetisch  sein zu müssen. Am schlimmsten an diesem Bericht ist die Abmoderation des Beitrags und die Überleitung zum Wetter. Kleber und seine Ko-Moderatorin Gundula Gause grinsen schelmisch, um damit zum Ausdruck zu bringen, wie lächerlich und unwichtig sie das alles finden (illustriert mit dem Hinweis, dass 60 Prozent der Deutschen Gendern herzlich egal sei), und was die kleinen Feministinnen und Feministen da schon wieder gemacht haben – eine unverhohlene Abwertung dessen, was einigen Menschen aus guten Gründen wichtig ist, ein gelebtes Beispiel von Diskriminierung. Es gibt viele Möglichkeiten, durch das Sprechen und Schreiben deutlich zu machen, dass es nicht nur Männer gibt, dass andere in der Sprache nicht ausgegrenzt werden, dass alle mitgemeint sind und alle zählen.  Eine Schönheit der Sprache, die, wie Monika Maron suggeriert, dadurch zerstört würde, dass diese deutlich macht,  dass es um uns alle geht und wir gleichermaßen sichtbar sein wollen, verdient nicht, schön genannt zu werden. Sie hat an elementaren Ansprüchen unseres Sprechens versagt.  Hier kann sichtbar nachempfunden werden, wie hässlich und krank, ebenso uneinsichtig und unsensibel der gesunde Menschenverstand, den Claus Kleber so gerne bemüht, tatsächlich ist.  Es ist erstaunlich, wie wichtige Bereiche des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (Plassberg ist natürlich auch ein gutes Beispiel) an den einfachsten Aspekten von Gendergerechtigkeit und ihrer Darstellung immer wieder scheitern und diese so leicht zu erfüllende Aufgabe nicht erfüllen wollen.  5 der 25  Moderierenden dieses Formates waren bisher weiblich. Vielleicht erklärt das ja einiges.

Postscript vom Mai 2022: In der ersten Version des Textes wurde Claus Kleber ein wenig zu harsch kritisiert. Diese Kritik habe ich etwas herausgenommen, nicht nur, weil Claus Kleber mittlerweile pensioniert ist, sondern auch weil ich erstaunlicherweise feststellen musste, dass im ZDF und im Heute Journal gegendert wird, ganz korrekt mit kleiner Pause. Der Beitrag ärgert mich immer noch  wegen der Mechanismen, Rhetoriken und Mustern, die in ihm zu identifizieren waren und die immer noch die Diskussion um das Gendern so sehr vergiften. Aber Neutralität und Lernfähigkeit oder vielleicht auch Missverständnisse, die durch eine bestimmte Art des Fragens erzeugt werden, möchte ich mittlerweile nicht in Abrede stellen.

 

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